Es war einmal ein alter weiser Mann. Der alte Mann lebte in einem kleinen Dorf in einem entfernten Tal in einem Haus aus Holz und Stein. Er war sehr alt und die, die ihn kannten, sagten von ihm, dass er jedes Jahr weiser wurde.

Seine Weisheit war der Grund, weshalb so viele Menschen zu ihm kamen. Zu jeder Jahreszeit stiegen sie zu ihm hinauf und fragten ihn um Rat. Nichts freute ihn mehr: Frauen, Männer, Familien, Erwachsene und Kinder besuchten ihn und erzählten ihm ihre Geschichten und hofften, einen weisen Rat zu erhalten. Der alte Mann hörten allen zu und schenkte jedem ein gutes Wort.

«Wie weise er ist», sagten alle.

Das war aber nicht immer so. Früher, vor vielen Jahren, war der Mann ins Tal gekommen und sich hier ein kleines Haus gebaut. Im gleichen Jahr aber hatte der Winter beschlossen, seine ganze Macht und Kraft zu zeigen. Es wurde ein harter Winter. Der Mann versuchte dem Winter zu trotzen. Er hatte Holz für den Winter gesammelt, allerdings reichte der Vorrat nicht aus. Er litt vor Kälte wie nie zuvor in seinem Leben.

So beschloss er eines Tages den Baum zu fällen, der vor seinem Haus stand.

Es war ein wunderschöner Baum, der sich im Frühling weiss färbte und im Sommer dunkle Beeren trug. Der Mann liebte den Baum. Jetzt war aber das Leiden zu gross, er hatte kalt, die Kälte zwang ihn, den Baum zu fällen.

Das war keine weise Entscheidung. Er wusste es, aber er hatte keine andere Wahl.

Er verliess sein Haus und ging zum Baum. In der Hand hielt er eine Axt. Er war gerade dabei, die Axt in den Stamm zu schlagen, als ein kleiner Vogel sich auf einen Ast setzte. Der Mann hielt inne. Er versuchte, mit seinen Armen den Vogel zu verscheuchen. Er musste den Baum fällen. Er wollte es nicht tun, aber er hatte kalt. Er wollte dem kleinen Wesen nicht weh tun, aber es musste sein.

Der kleine Vogel flog davon. Als der  Mann erneut die Axt hob, kam der kleine Vogel wieder angeflogen und setzte sich auf einen anderen Ast. Der Mann versuchte erneut, den Vogel zu verjagen und der Vogel flog wieder davon. Zum dritten Mal versuchte der Mann, den Baum zu fällen und zum dritten Mal setzte sich der kleine Vogel auf einen Ast.

Dem Mann war kalt, er war müde und auch wütend auf den kleinen Vogel. Er benötigte das Holz. Er wusste, dass es nicht das richtige Holz war, vielleicht würde es ihn nicht einmal wärmen. Er wusste sich aber nicht anders zu helfen. Er liess sich zu Boden fallen, nahm den Kopf in die Hände und eine Träne lief ihm über das Gesicht.

Nach einer Weile spürte er wie etwas auf seinen Handrücken klopfte. Er blickte auf und sah den kleinen Vogel vor sich. Er betrachtete den Vogel und bemerkte, wie der Vogel ihn mit geneigtem Kopf ebenfalls ansah.

Der Mann schrie den Vogel an: «Wieso lässt du mich den Baum nicht fällen?»

«Wenn du ihn nicht fällst, mache ich dir ein Geschenk, das grösser ist als alle Holzscheite zusammen», erwiderte der Vogel. 

Der Mann glaubte seinen Ohren nicht. Er hatte eine Stimme gehört und diese Stimme kam aus dem Schnabel des Vogels. Nein, das war nicht möglich. Er träumte. Es war ein Alptraum. Das war die Kälte. Er wurde verrückt. Die Kälte war schuld.

«Es ist wahr! Ich sage es dir noch einmal. Wenn du den Baum nicht fällst, mache ich dir ein grosses Geschenk.»

«Ich werde verrückt», schrie der Mann! Er schrie so laut, als wollte er, dass die ganze Welt sein Leiden zu spüren bekommt. «Nein, beruhige dich, du wirst nicht verrückt. Höre mir zu und ich mache dir ein grosses Geschenk», sagte der Vogel. Der Mann wusste nicht was machen, er fühlte sich hilflos. Aber tief in seinem Herzen spürte er, dass es die richtige Entscheidung war. Er dachte einen Moment nach, und dieser Moment fühlte sich so lang wie ein Tag an, doch schlussendlich sagte er: «Es ist gut. Ich werde den Baum nicht fällen».

«Ich danke dir», sagte der kleine Vogel. «Die kommende Nacht wird die letzte kalte Nacht dieses Winters sein».

«Das soll das Geschenk sein?»,  fragte der Mann. «Nein», antwortete der Vogel. «Heute hast du bewiesen, dass du ein guter und gerechter Mann bist. Morgen wird das ganze Tal davon erfahren. Die Menschen werden hören, dass in diesem kleinen Dorf ein weiser Mann lebt, der für alle ein offenes Ohr hat.»

«Das soll das Geschenk sein», erwiderte der Mann. «Ja, das ist das Geschenk», sagte der kleine Vogel und flog davon. Wieder zu Hause, frierend und ungläubig, versuchte er sich zu wärmen, so gut er konnte, um die Nacht zu überstehen. Bald schlief er ein. Die Nacht verging und der Morgen schien ihm weniger kalt als zuvor. Um Mittag klopfte es an der Tür. Ein Mann und eine Frau standen vor der Tür. Sie hatten gehört, dass im Haus ein weiser Mann lebt, der ihnen einen Ratschlag geben wird. Der Mann hörte ihnen zu und fragte, wie er ihnen behilflich sein kann. Als sie ihm ihre Geschichte zu Ende erzählt hatten, suchte er nach einer Antwort auf ihre Geschichte und schaute dabei aus dem Fenster. Dort sah er den kleinen Vogel sitzen. Wie durch Zauberei fand er die richtigen Worte und gab dem Mann und der Frau den Frieden, den sie so lange suchten.

Es blieb nicht bei diesem einzigen Besuch. Von da an besuchten ihn Männer, Frauen, Grosse und Kleine und viele blieben lange an seinem Tisch sitzen. Alle waren ihm willkommen.

Der kleine Vogel redete nicht mehr mit dem weisen Mann. In den folgenden Tagen, Monaten und Jahren blieb er aber immer in seiner Nähe, setzte sich ab und zu auf einen Ast und pickte nach den  saftigen Beeren des Baumes.

Heute ist der alte weise Mann nicht mehr da. Auch seine Frau und seine Kinder sind nicht mehr im Tal – dies ist aber eine andere Geschichte. Im Tal triffst du aber auf seine Urenkel und stets auch auf viele gedeckte Tische, die dich willkommen heissen.  Und mit etwas Glück kannst du auch den kleinen Vogel beobachten, dem der alte weise Mann in seiner alt hergebrachten Sprache einen Namen gegeben hat, die man in jenem Bergdorf spricht: Lou pitavin. 

Es war einmal…

Locanda Lou Pitavin - Borgata Finello, MARMORA (12020) - Tel +39 0171 998188 
e-mail: info@loupitavin.it - P.iva 02725200048 / C.F. NDRMRC77C25D205 / PRIVACY

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